Für Umweltbewusstsein, Handwerk und Verkehrswende nach Düsseldorf

14.05.22 von Helga Oprisch

Marc Zimmermann ist Kreissprecher sowie Vorstand der Grünen Oberberg und möchte den
Düsseldorfer Landtag mit seinen Ideen bereichern. Ich durfte den Familienvater aus Drabenderhöhe
interviewen.


Helga: „Kannst du dich für unsere Leser*innen bitte kurz vorstellen und deinen Werdegang
beschreiben? Wie und wann bist du zu den Grünen gekommen?“

Marc: „Ich bin in Köln geboren und aufgewachsen. Dort habe ich damals auch den Beruf des
Stuckateurs gelernt. Anschließend habe ich den Meisterkurs besucht und im Oberbergischen in
einem Betrieb angefangen. Ich war auch eine Zeit lang als Selbstständiger in dem Bereich tätig.
Heute bin ich nach einer weiteren Ausbildung freiberuflicher Wildnispädagoge. Zu den Grünen bin
ich 2015 gekommen, indem ich mich ehrenamtlich für Geflüchtete eingesetzt habe. Mich hat der
hochkochende Rassismus in dieser Zeit so gestört, dass ich mich auch politisch engagieren wollte.
Mit der Zeit kamen immer mehr Aufgaben dazu. Seit 2018 bin ich Vorstandsbeisitzer, Kreissprecher
seit 2019. Auf die Idee, in den Landtag zu ziehen, hatte mich Sven Lehmann 2020 gebracht, der
mittlerweile im Deutschen Bundestag sitzt. Ich wurde dann auf der Landesdelegiertenkonferenz auf
den Listenplatz 34 gewählt und hoffe nun auf ein positives Ergebnis am 15. Mai.“

Helga: „Vielen Dank für die Vorstellung. Welches sind denn deine Herzensthemen und deine
Themenschwerpunkte im grünen Wahlkampf?“

Marc: „Meine Herzensthemen sind die Verkehrswende im ländlichen Raum, das Handwerk und
Bewusstsein für die Natur.“

Helga: „Das sind sehr aktuelle Themen. Beginnen wir mit dem Erstgenannten. Wie kann deiner
Meinung nach eine Verkehrswende im ländlichen Raum gelingen?“

Marc: „Es müssen Strukturen geschaffen werden, die das Auto weniger notwendig machen. Das
bedeutet, dass wir mehr in den ÖPNV investieren müssen und zwar doppelt so viel wie bisher.
Menschen auf dem Land sollen überall eine Anbindung von halb 6 morgens bis 11 Uhr abends
haben. Dann müssen ebenfalls Sharingsysteme ausgebaut werden, ebenso wie Radwege und das
Schienennetz. Mehr Menschen sollen an das Bahnnetz angeschlossen werden und auch
Schnellbusse höher frequentiert fahren.“

Helga: „Das sind gute Ansätze. Du bist gelernter Stuckateur und das Handwerk liegt dir auch sehr
am Herzen. Seit Jahren haben wir in Deutschland ein massives Nachwuchsproblem im Handwerk.
Welche Möglichkeiten siehst du, dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken? Was kann die Politik,
insbesondere in Nordrhein-Westfalen, tun? Welche Konzepte gibt es hier bereits?“

Marc: „Viele junge Menschen ziehen ein Studium einer Ausbildung vor. Ausbildungsberufe stehen
bei der Berufsberatung an Gymnasien überhaupt nicht im Fokus. Es gibt hier zumeist
Berufsberatungen für akademische Berufe, jedoch selten Ausbildungsberatungen. Zwar gibt es
schon tolle Initiativen, wie „Kein Abschluss ohne Anschluss" bei denen es um die berufliche
Orientierung von Jugendlichen geht, aber hier ist noch Luft nach oben. Zum Beispiel könnten auch
mal Handwerker*innen ihren Beruf an allen Schulformen vorstellen. Oder man bietet
Werkunterricht an. Das fordern wir auch in unserem Wahlprogramm in Form von
multiprofessionellen Teams. Es soll eine stärkere Angleichung von Studium und Ausbildung
gewährleistet werden. Das fängt schon beim Bahnticket an. Natürlich muss auch eine vernünftige
Ausbildungsvergütung gezahlt werden. In der Fläche sollen mehr überbetriebliche
Ausbildungsstätten und Auszubildendenwohnheime für die betriebliche Ausbildung entstehen. Es
gilt auch, weitere Perspektiven und neue Bildungswege aufzuzeigen: Eine Ausbildung kann auch
ein gutes Sprungbrett sein und duale Studiengänge sind ebenfalls eine interessante Option. Auch die
Ausschau nach Fachkräften aus dem Ausland und somit die Anerkennung ausländischer Abschlüsse
könnte dem Fachkräftemangel entgegenwirken; unser duales System ist weltweit angesehen. Eine
weitere Möglichkeit dem Fachkräftemangel zu begegnen ist es, mehr Frauen für das Handwerk zu
begeistern. Unter anderem hat sich dies unser Verein „HandwerksGrün e.V.“ auf die Fahne
geschrieben. Wir fordern hier bessere Rahmenbedingungen für schwangere Selbständige und haben
sogar eine erfolgreich laufende Petition gestartet.“

Helga: „Worum geht es bei „HandwerksGrün e.V.“ konkret? Was konnte der Verein bisher bewirken
und welches sind seine Ziele?“

Marc: „Ich bin Gründungsmitglied des Vereins, der aus der Initiative von Sebastian Lederer aus
dem Kreisverband Konstanz hervorgegangen ist. Unser Anliegen ist es, das Handwerk und eine
grüne Politik miteinander zu verbinden. Das Handwerk soll wieder insgesamt attraktiver werden.
Wir nehmen hier auch die Lehre, Aus- und Weiterbildung in den Fokus. Wir unterstützen mit
unserem Verein überdies eine Reparaturkultur. Mit unseren Vereinsmitgliederinnen Johanna Röh
und Astrid Hild haben wir die zuvor erwähnte Petition ins Leben gerufen, bei der eine Reform des
Mutterschutzes gefordert wird; Schwangerschaft darf nicht die Existenz von Selbstständigen
bedrohen. Robert Habeck ist auf HandwerksGrün e.V. aufmerksam geworden und wir sind nun zu
ihm und Michael Kellner, ebenfalls Mitglied des Deutschen Bundestages, eingeladen worden. Auch
ohne Mitgliedschaft bei den Grünen kann dem Verein HandwerksGrün e.V. beigetreten werden.“

Helga: „Es freut mich, dass ihr mit eurem Verein schon so tolle Erfolge verzeichnen könnt. Alle
guten Dinge sind drei; kommen wir nun zu deinem dritten Herzensthema. Du bist freiberuflich als
Wildnispädagoge tätig. Welches sind deine Ansätze, um Menschen, insbesondere Kindern, das
Bewusstsein für die Natur näherzubringen und welchen Stellenwert hat dies für dich?“

Marc: „Ich bin der Meinung, dass man schon im Kindergarten ansetzen sollte. Es gibt tolle
Konzepte, wie beispielsweise Waldkindergärten. Die Erzieher*innen können hier auch zu
Wildnispädagog*innen ausgebildet werden. Natürlich müssen hier erst einmal die richtigen
Rahmenbedingungen geschaffen und Kindergartenplätze ausgebaut werden. Dann sind aber viele
spannende Konzepte möglich. Das Coyote Teaching zum Beispiel gibt Kindern Freiräume, selber
Natur und Tierwelt zu entdecken und ein wirkliches Interesse aufzubauen. Ein solches
pädagogisches Konzept, angelehnt an indigene Völker in Nordamerika, sollte im Lehrplan
verankert sein. Zumindest sollten Kindergartengruppen und Schulklassen in jeder Jahreszeit 2 Tage
im Wald oder Stadtpark verbringen. In meiner Funktion als Wildnispädagoge bin ich etwa 18
Monate lang mit Grundschulkindern und mit körperlich sowie geistig beeinträchtigten Kindern
regelmäßig in den Wald gegangen. Das hat viele positive Veränderungen bei den Kindern bewirkt
und hatte einen enormen Nutzen für die jeweiligen Familien“.

Helga: „Das kann ich mir vorstellen. Ganz aktuell beschäftigt viele Menschen in Deutschland leider
ein weniger schönes Thema: der Ukrainekrieg. Wie bewertest du die aktuelle Lage und welche
Rolle spielt der Krieg im Wahlkampf? Es gab auch kritische Stimmen gegenüber den Grünen auf
Bundesebene in puncto Waffenlieferungen. Wie stehst du der Zustimmung der Waffenlieferungen
gegenüber?“

Marc: „Der Ukrainekrieg steht ganz vorne im Wahlkampf und spielt eine große Rolle. Dieser
menschenverachtende Angriffskrieg bringt die Friedensordnung in Europa komplett durcheinander.
Ich bewerte diesen Krieg als sehr gefährlich. Meine Einschätzung ist, dass eine Kapitulation der
Ukraine nicht das Ende des Konfliktes bedeutet und es dann andernorts weitergehen könnte. Wir
sind eine Friedenspartei, dennoch finde ich die getroffene Entscheidung bezüglich der
Waffenlieferungen aber nachvollziehbar. Die Situation lässt keinen Spielraum für Blumengrüße an
Moskau.“

Helga: „Vielen Dank für deine Einschätzung. Neben dem Ukrainekrieg ist natürlich das große
Thema Klimakrise nach wie vor aktuell. Es entstehen hohe Emissionen im Neubausektor,
gleichzeitig werden dringend neue Wohnungen gebraucht. Flächenversiegelung ist in dem
Zusammenhang ebenfalls ein brisantes Thema. Wie gelingt klimafreundliches und nachhaltiges
Bauen? Was denkst du, kann hier die Politik konkret leisten?“

Marc: „Es gibt Förderprogramme für KfW-Effizienzhäuser 40, die eine effiziente Heizungsanlage
und einen geringen CO2-Ausstoß vorweisen. Die Ansprüche an Neubauten, was Wärmedämmung
etc. angeht, steigen und das ist positiv. Es geht aber natürlich nicht, dass wir immer weiter und
weiterbauen; täglich werden 5,7 Hektar pro Tag in Nordrhein-Westfalen versiegelt. Im ländlichen
Bereich gibt es viele große Häuser aus den 60er und 70er Jahren. Teilweise leben dann dort 2
Personen auf 200 qm. Es muss Wohnraum für ältere Menschen geschaffen werden, sodass diese
Häuser bestenfalls für Familien frei werden. Dann gilt es auch, alte Gebäude zu sanieren, anstatt
neu zu bauen. Seitens der Kommunen muss sozialer Wohnraum zur Verfügung gestellt werden.
Zudem muss über Alternativen zu Beton und Stahl nachgedacht werden. Lehm, Holz und
Strohdämmung könnten im Gebäudebau die Zukunft sein; Konzepte sind da, man muss sie fördern
und die Kommunalfinanzierung überdenken. Auf jedes neu gebaute Dach im privaten Bereich
sollen dann Photovoltaik-Anlagen angebracht werden. Da braucht es seitens der Politik noch
weitere gesetzliche Regelungen in diesem Zusammenhang.“

Helga: „Apropos Photovoltaik: Wie verbinden die Grünen deiner Meinung nach im Allgemeinen
eine starke Wirtschaft mit einer nachhaltigen Lebensweise?“

Marc: „Privat sollten wir im besten Fall auch erneuerbare Energien nutzen. Da muss die Politik die
richtigen Weichen stellen. Des Weiteren haben wir eine private Verantwortung, was unseren
Konsum angeht. Jedes Produkt verbraucht Ressourcen, mal mehr, mal weniger. Da sollten wir
ressourcenschonend vorgehen. Aber die Gesetze müssen auch dementsprechend angepasst werden;
es gibt teils abstruse Regelungen, wenn es um das Recyceln von Kunststoffen geht. Diese werden
oft verbrannt und können gar nicht wiederverwertet werden. Das ist teilweise noch
verbesserungswürdig und die Politik ist hier gefragt, bestimmte Regularien zu blockieren. Da geht
es dann auch um regionale Wertschöpfungsketten, das Lieferkettengesetz und die
Kreislaufwirtschaft im Allgemeinen.“

Helga: „Wie planst du, unsere kommunalen Anliegen in den Landestag zu bringen? Wie willst du
die Oberberger*innen hier speziell abholen?“

Marc: „Ich bin ein großer Fan von direkten Gesprächen in unserem Wahlkreisbüro. Ich habe immer
ein offenes Ohr für die Bürger*innen. Dann halte ich auch Besuche bei Unternehmen, Vereinen und
Initiativen für sehr sinnvoll. Mir ist Offenheit, Klarheit, Mitbestimmung und transparente
Kommunikation super wichtig. Ich möchte gerne ein Sprachrohr für die Bürger*innen sein und für
ein gutes Miteinander und den Dialog stehen.“

Helga: „Was denkst du, würden die Grünen denn anders machen als die aktuelle Landesregierung?“

Marc: „Wie gesagt, halte ich den offenen und ehrlichen Umgang miteinander für sehr wichtig. Ich
möchte Entscheidungen treffen, die notwendig sind und diese dann auch erklären. Es ist mir ein
Anliegen, die Abstandsregelungen der Windanlagen von aktuell 1.000 m individueller zu gestalten.
Außerdem benötigen wir ein echtes Lobbyregister auf Landesebene. Dennoch befürworte ich
Lobbyarbeit, die ich nachvollziehen kann, wie zum Beispiel Gespräche mit NGO‘s, Innungen sowie
Kammern.“

Helga: „Welches sind in der Zukunft deine persönlichen sowie beruflichen Ziele und Wünsche?“

Marc: „Ich wünsche mir natürlich, dass es am 15. Mai bei der Wahl für mich reichen wird. Ich
würde die Aufgabe in Düsseldorf aus vollster Leidenschaft und Überzeugung heraus machen wollen
und Dinge voranbringen, die mein politisches Interesse widerspiegeln. Gleichzeitig wünsche ich
mir auch, Zeit für meine Familie zu haben und auch weiterhin kleinere Projekte als
Wildnispädagoge durchzuführen. Die Anfragen wären da. Es wäre schön, einen Ausgleich zur
Arbeit in Düsseldorf zu haben und mir ist es auch persönlich wichtig, nach wie vor Zeit im Wald zu
verbringen.“

Helga: „Ich wünsche dir viel Erfolg bei der Wahl, drücke dir die Daumen für den 15. Mai und
be